„Le Grange“

„Le Grange“

„Terre d’acqua" (Wasserland) ... mit welch realerem und eindrucksvollerem Bild könnte man das Gebiet der Ebene von Vercelli beschreiben? Und dennoch, wenn man von den „terre d’acqua" spricht, darf man noch etwas Faszinierendes, damit Verbundenes nicht vergessen, in das man eintauchen kann; es ist dies eine Umgebung voll von Geschichte, Kunst und heute noch sichtbaren Zeugnissen aus der Vergangenheit: die sogenannten „grange".

„Le grange", wörtlich „granai" (Kornboden), waren antike Wohneinheiten und Agarzentren innerhalb derer die so genannten Konvertierten, d.h. die vom Konvent verstoßenen Zisterziensermönche, Arbeiten zur Urbarmachung eines Gebietes leisteten, das mit Wald auf ebenen Flächen (einziges noch erhaltenes Beispiel dafür ist der Wald von Trino „Bosco delle Sorti della Partecipanza di Trino") bedeckt war. Der Zweck des Ganzen war, dieses Gebiet für den Ackerbau nutzbar zu machen. Die „grange", die in der Ebene von Vercelli, genauer genommen am Rande des Gebietes entstanden sind, das sich zwischen Trino, Crescentino und Larizzate erstreckt, hatten ihren Ausgangspunkt in der Abteikirche „Abbazia di S. Maria" von Lucedio. Diese Kirche wurde 1123 gegründet und erwarb sofort zahlreiche Besitztümer, wobei jedes einer „grangia" vorstand.

Die „grange" waren ein wichtiger Faktor für den Umwandlungsprozess eines Gebietes, das bis zum Jahre 100 unbebautes Land war. Denn wenn ein Gutsbesitzer vor hatte, seine Ländereien umzuwandeln und sie produktiver zu machen, schickten die Äbte einen ihrer Mönche, den sogenannten „granciere", der die Urbarmachungsarbeiten bis zum Schluss leitete. Es ist also unumstritten, dass die von den Mönchen ausgeführte Arbeit in der Provinz Vercelli ein bedeutender Faktor für die Entstehung und die sich im Laufe von Jahrhunderten bildende Verwurzelung mit der Berufung zum Acker- und Reisbau war. Denn es waren eigentlich die Zisterzienser, die im 15. Jahrhundert den Reisbau eingeführt hatten. Die einzige Abteikirche von Ludedio besaß gut 6 „grange" in Montarolo, Montarucco, Leri-Cavour, Castelmerlino, Ramezzana und Darola.


Route 1 - Trino: „Abbazzia di Lucedio"

Die antike Abteikirche, die ab 1875 als „Principato di Lucedio" (Fürstentum von Lucedio) bezeichnet und 1123 von den Zisterzienser gegründet worden war, um vom Marquis von Monferrato verschiedene Ländereien abgetreten zu bekommen, erlebte im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Herrschaftswechsel, die den Zersplitterungsprozess sehr stark beeinflussten und 1818 zum endgültigen Auseinanderbrechen führten. Damals nämlich teilte der Fürst Camillo Borghese, Schwager von Napoleon und damals Generalgouverneur des Piemont, das Vermögen in drei Teile, um es verkaufen zu können. Heute ist die Abtei ein moderner landwirtschaftlicher Betrieb, aber sie hat es trotzdem hat geschafft, ihr charakteristisches mittelalterliches Flair zu bewahren, um es interessierten Besuchern in all ihrem Zauber zu offenbaren. Vorbei an der Befestigungsmauer kann man auch noch die „Chiesa del popolo" (Volkskirche), die Abteikirche, den einzelnen, oben achteckigen, aber am Ansatz quadratischen Turm und natürlich den vierseitigen und durch vier Säulen aufgeteilten Kapitelsaal bewundern, der nichts anderes als nur überraschen kann.


Route 2 - Trino: „Cascina Darola"

Dieses Bauernhaus, das im Norden von Lucedio liegt, kann sich eines antiken Ursprungs rühmen. 933 (als es noch unter dem Namen „Corte Auriola" bekannt war) wurde es von den Königen von Italien, Hugo und Lothar, den Marquisen von Monferrato geschenkt und diese wiederum traten die Ländereien 1123 an Lucedio ab, das somit zu einer der 6 „grange" der Abteikirche wurde. Von seiner Struktur her ist dieses Bauernhaus ein ausgezeichnetes Beispiel für ein Bauernhaus mit geschlossenem Hof. Bewundernswert ist auch der interessante und gut erhaltene architektonische Beweis für den Befestigungsprozess, dem Darola im 15. Jahrhundert unterworfen war, nämlich der vierseitige Turm mit dem Originaleinfahrtstor, das den Zugang von einem Hof zum anderen bildete.


Route 3 – Montarolo, Ramezzana, Castelmerlino, Leri und Montarucco

Diese Orte gehörten einst zu Lucedio; sie sind in der Nähe der ländlichen Ansiedlungen zu finden. Während Ramezzana und Montarolo (letzteres befindet sich an einer Aussichtsstelle, in der Nähe des „Santuario della Madonna delle Vigne") im Süden von Lucedio liegen, sind Leri und Castelmerlino in jenem Teil des Gebietes angesiedelt, der sich im Nordwesten des Fürstentums erstreckt. Diese beiden Orte waren einst im Besitze der Familie Benso di Cavour, aus der der bekannte Minister Camillo Benso Conte di Cavour hervorging. Insbesondere Leri war für Camillo Benso ein „guter Ort, um sich zurückzuziehen", denn er bietet heute noch eine Atmosphäre der Zeit des Risorgimento, der italienischen Einigungsbewegung.


Route 4 – Entlang der „strada delle grange"

Entlang der Straße, die von Larizzate nach Crescentino führt und auch den Namen „strada delle grange" trägt, kommt man nach Lignana und zum herrlichen Landgut „Tenuta Veneria". Diese ländliche Ansiedlung, die ein beispielhaftes Muster für den großen einzelbetrieblichen Hof darstellt, diente als Hintergrund für den bekannten neorealistischen Film „Riso amaro" (bitterer Reis) von Regisseur Francesco De Santis. Weiter entlang dieser Straße kommt man nach „Castell’ Apertole", einer Ansammlung von Gebäuden, die 1774 von der Familie Savoia erbaut wurden und für die Pferdezucht bestimmt waren. In der unmittelbaren Umgebung von „Castell’ Apertole" befindet sich das Bauernhaus „Cascina Colombara", ein noch immer bewirtschafteter landwirtschaftlicher Betrieb, der ein weiteres hervorragendes Beispiel für ein Bauernhaus mit abgeschlossenem Hof darstellt und der seine ursprüngliche Umgebung bewahren und nutzen konnte. Ebenfalls entlang der „strada delle grange" stößt man, bevor man nach Crescentino kommt, auf „San Genuario". Dieses landwirtschaftliche Gut, das einst der alten Abtei angehörte, ist sicher die älteste Ansiedlung von Benediktinermönchen innerhalb des Waldes von Lucedio. Leider ist vom alten Komplex sehr wenig erhalten und das, was von der ursprünglichen Struktur noch übrig geblieben ist, wurde in das Bauernhaus „Casina Badia" eingegliedert. Von bemerkenswertem Interesse ist auch der große Bau des Castello, der einen wunderbaren Rundturm umgeben von einem Felsen zeigt, während die ursprüngliche Abteikirche durch die jetzige Pfarrkirche, die auf das 17. Jahrhundert zurückgeht, ersetzt wurde. Von der ersten Kirche sind allerdings Apsis und Turm erhalten geblieben. Wenn man weiter der Straße entlang fährt, erreicht man das antike Städtchen Trino mit seiner Kirche „San Michele in insula", dem wichtigsten historischen Denkmal dieses Gebietes und die Pfarrkirche Parrocchiale di S. Bartolomeo, einen im 17. Jahrhundert erschaffenen Wiederaufbau der Kirche aus dem 13. Jahrhundert, welche die Stelle von „S. Michele" einnehmen sollte.