Der Karneval im Provinz

Der Karneval von Borgosesia

Einer der bedeutendsten Karnevale der Provinz Vercelli ist der im ganzen Piemont bekannte Karneval von Borgosesia mit seiner Eigenart des charakteristischen Schwarzen Mittwochs, der 1854 von einigen Spaßvögeln ins Leben gerufen wurde. An diesem Tag, dem Aschermittwoch feierten einige elegante Herren auf ihre Weise das „Begräbnis" des Karnevals und begleiteten eine Bahre mit einem Strohmann, der den Karneval darstellte, durch die Straßen der Altstadt.

Im Jahr darauf wurde der Strohmann „Peru Magunella" getauft, wobei der Vorname dem des Schutzheiligen (Petrus) im Dialekt des Städtchens entspricht, während der Nachname von „Magoni", dem Spitznamen für die Bewohner von Borgosesia, abgeleitet ist. Nur 30 Jahre später wurde diese Figur von einer Person dargestellt, der auch eine Gemahlin „Gin Fiammàa" hatte. Der Mercû Scûrot ist eine europaweit einzigartige Karnevalsattraktion am Aschermittwoch, dem Tag, an dem der Karneval in Borgosesio traditionsgemäß endet, im Unterschied zu allen anderen Karnevalen, deren letzter Tag der Fastnachtsdienstag ist. Der Tradition zufolge konnte sich 1854 eine Gruppe Deutscher und Elsässer, Leiter der wenige Jahre zuvor gegründeten Wollfabrik und späteren Manifattura Lane Borgosesia nicht mit dem Ende des Karnevalsfestes abfinden und beschloss das Begräbnis des Karnevals am Morgen des Aschermittwochs zu feiern. Mit einer künstlichen Bahre auf einem Karren und in eleganter Kleidung begleiteten sie einen improvisierten Trauerzug durch die Dorfstraßen, wobei sie in den Gasthäusern Rast machten.

Dieser Brauch hat sich bis heute erhalten: Die mit Umhang und Zylinder bekleideten Teilnehmer tragen außerdem eine Holzkelle, mit der sie den an den entlang des Wegs verteilten Stationen ausgeschenkten Wein trinken. Nach dem Mittagessen beginnt die Runde durch die Stadt, die am späten Abend mit der Verlesung des Testaments des Peru Magunella und der traditionellen Verbrennung des Strohmanns auf dem Scheiterhaufen endet.

Der Karneval von Crescentino

Die Figuren des Historischen Karnevals von Crescentino, der seit 1929 gefeiert wird, sind die Königin Regina Papetta und der Graf Conte Tizzoni, die nach dem besonderen Brauch am Tag vor dem Karnevalsumzug gekrönt werden. Die Karnevalstradition geht aus einem wahren historischen Ereignis von 1529 hervor, als eine Gruppe junger Leute aus Crescentino, die mit der Stadt Vische alliiert waren, sich gegen den Despoten Conte Riccardo IV. Tizzoni auflehnte und ihn tötete.

Der auf dieser Geschichte aufbauenden Legende zufolge hatte der Graf Riccardo IV. Tizzoni eben im Jahr 1529 außer Gewaltakten und Übergriffen gegenüber der Bevölkerung, das „Ius primae noctis", das Recht der ersten Nacht mit den frisch verheirateten Mädchen des Dorfes auferlegt. In der Nacht vom 14. und 15. Februar 1529, als das Dorf noch tief im Schlaf die letzten Karnevalstage abwartete, köpfte die Müllerstochter Stella den Tyrannen, gerade als das von der Glocke des städtischen Turms zusammengerufene Volk den Aufstand begann. Es heißt, der Name Papetta(Breichen) für die Müllerstochter sei auf die Maisfrucht zurückzuführen, aus der man Mehl für Polenta macht. Das Fest endet mit dem Umzug der verkleideten Teilnehmer, an der auch Karnevalswagen, Musikkapellen, Folkloregruppen, Majoretten und Fahnenschwenker teilnehmen.

Karneval von Santhià

Der Karneval von Santhià ist der älteste im ganzen Piemont. Er geht auf die Abadia zurück, eine unkonfessionelle Vereinigung zur Organisation der Karnevalsbälle und Fastnachtsfeiern. Die Abadia wird erstmals in einem Dokument von 1338 erwähnt, doch im 15. Jahrhundert wurde sie durch die Gesellschaft Antica Società Fagiolesca ersetzt, der das heutige Karnevalskomitee folgte.

Jedes Jahr am 6. Januar werden die Feierlichkeiten mit einem Ritual eröffnet: Die Karnevalsfiguren und die entsprechenden Bräuche, die sich über die Zeit erhalten haben, stellen die charakteristischen Züge des Karnevals von Santhià dar und verwandeln ihn in eine der einzigartigsten Veranstaltungen der Saison.

Die Karnevalsmasken sind Majutin dal Pampardù und Stevulin ‘dla Plisera, die an den drei Fastnachtstagen absolute Herrscher der Stadt sind. Stevulin und Majutin sind der Legende zufolge ein Bauer und eine Bäuerin, die vor langen Zeiten auf ihrer Hochzeitsreise in die Stadt kamen. Der Herr vor Ort händigte dem Brautpaar mit Zustimmung der Bevölkerung die Schlüssel der Stadt aus und erlaubte ihnen in den drei Tagen ihr Recht walten zu lassen. Daher kommt die Zeremonie der Schlüsselübergabe, an deren Anschluss Stevulinvor der Bevölkerung eine Rede im Dialekt hält, in der aktuelle Themen in humoristischer Form angesprochen werden.

Während der Präsentation von Stevu und Majot erhält das neue Paar die typischen Requisiten, die zu ihren Kostümen gehören: den Hut (caplin), den Korb (cavagna), den Schirm (umbrela) für Ihn und die Haarspange (spunciun), die Schürze (scusal) und das Schultertuch (mantlina) für Sie, während das Paar des Vorjahres der Gruppe der ausgedienten Brautpaare „Stevu e Majot Früst" beitritt.

Unter den Hauptattraktionen des Karnevals und den traditionellen Bräuchen sind vor allem Folgende: das alte, heute überarbeitete Ritual der Salamanda, bei dem eine als Schweine verkleidete Maskengruppe durch die Straßen der Stadt zieht und Brötchen mit gebratenem Spanferkel verteilt; das größte Bohnenessen ganz Italiens, bei dem rund 20.000 Teller Suppe verteilt werden; das Weckritual um 5 Uhr morgens vor dem Bohnenessen, bei dem die Kapelle der Pfeifer und Trommler, eine der ältesten und bedeutendsten in Italien die Bevölkerung und vor allem die Kommandanten, die das Bohnenessen überwachen sollen, weckt.

Abschluss der Feierlichkeiten bildet die Verbrennung des Babaciu, bei der eine Attrappe aus Pappmaché, die den Karneval darstellt, auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird und die Figur des während der Fastnacht herrschenden Giandujas vom Thron geholt wird.

Karneval von Varallo

Der Karneval von Varallo ist einer der ältesten Bräuche der Stadt, er wird in der Fastnacht als „Tag der alten Pasquetta" bezeichnet und endet am ersten Tag der Fastenzeit mit dem Prozess des Marcantonio (der wichtigsten Karnevalsfigur).

Sein Ursprung geht auf das Jahr 1595 zurück, als einige Mönche des Sacro Monte (Heiliger Berg) von Varallo bei einem Karnevalsfest überrascht wurden. Die heute aus zwölf Personen bestehende Maskengruppe stellt den Geist des Karnevals dar, ihre Hauptfiguren sind der Königs Marcantonio und seine Gefährtin Cecca.

In der Vergangenheit war die Figur der Pasquetta Symbol des Dreikönigstags, der mit einem großen Scheiterhaufen begangen wurde, um das neue Jahr mit guten Wünschen zu begrüßen und das alte zu begraben. Mit der Zeit hat sich Pasquetta im volkstümlichen Brauch in die Mutter des Marcantonioverwandelt und somit des Karnevals schlechthin: eine Frau von unvergänglicher Fruchtbarkeit, deren Aufgabe es ist, jedes Jahr einen neuen Karneval zu gebären, ein neues Kind mit dem Namen Marcantonio, dem König der Dughi und Falchetti. Am jährlichen Umzug, der am Dreikönigstag stattfindet, nehmen auch die Masken, die den alten Trottel, den Gemahl der Pasquetta, und die Amme darstellen, teil. Der alte Trottel ist lediglich der Nennvater des Marcantonio und eben darum geht es bei dem Prozess und der Verbrennung der Pasquettaam Ufer des Mastallone-Bachs.

Eine weitere Attraktion des Karnevals von Varallo, die man nicht verpassen sollte, ist der „Gran Bal dla Cecca", der Ball im Stadttheater. Ceccaist die Gemahlin des Marcantonio, die Karnevalskönigin. Seit 1950 ist es Brauch, dass Cecca am Abend vor dem großen Fest des Schutzheiligen Gaudenzio unter den jungen Mädchen der Stadt Varallo gewählt wird, ihre Identität bleibt bis zum großen Cecca-Ball geheim. Am Sonntag dagegen erhält Marcantonio die Schlüssel der Stadt und anschließend belebt ein lustiger Karnevalsumzug die Straßen Varallos.

Am Fastnachtsdienstag darf man die „Giurnàa ‘dla leugna” (Holztag) und den „Bal ‘dla Lüm" (Lichtball) auf keinen Fall verpassen. Es ist Tradition, dass die Bürger Varallos sich in den Ortsteil Crevola, auf der anderen Seite der Brücke über den Fluss Sesia begeben, um von den Bewohnern Holz zum Kochen der Paniccia (eine Art Suppe) am nächsten Tag zu holen. Es ist nicht klar, woher dieser Brauch stammt, am wahrscheinlichsten ist, dass es in der Vergangenheit eine Maxime gab, die den Bürgern Varallos eine Art Feudalrecht über den Ortsteil Crevola zusprach, heute ist dieses Ritual zur Gewohnheit geworden. Der Tag endet mit dem traditionellen „Lüm"-Ball, dessen Name auf die von den Bergbauern des Sesia-Tals bei ihren Wachen verwendete alte Stalllampe zurückgeht, die heute ein Symbol des Karnevals von Varallo ist. Der Ball geht auf das Jahr 1876 zurück als im Gasthof Osteria del Lupo in Varallo Vecchio beim Karneval ein Ball mit rustikalen Dekorationen unter anderem unter Verwendung der „Lüm" aus Eisen veranstaltet wurde. Während des Abends werden die am besten gelungenen Kostüme und die schönste Maskengruppe prämiert.

Dienstag ist der Tag der traditionellen Paniccia, einer kräftigen Reis- und Gemüsesuppe, die in riesigen Töpfen gekocht wird und die für die Armen und Bedürftigen in alten Zeiten die einzige Garantie für ein warmes Essen war. Der Tradition zufolge werden die Feuer um 6 Uhr morgens in Piazza San Carlo angezündet.

Schließlich endet der Karneval am Abend des Aschermittwochs mit dem Prozess des Marcantonio, einem Schauspiel, in welchem man sich über die wichtigsten städtischen Ereignisse lustig macht und das mit dem unvermeidlichen Scheiterhaufen endet.

Karneval von Vercelli

Der Karneval von Vercelli ist mit der Zeit auch über die Grenzen der Region hinaus zu einem wichtigen Ereignis geworden. Er beginnt mit der Vorstellung der wichtigsten Masken von Vercelli, dem Bicciolanound seiner Gemahlin, der Bela Majinund führt mit Bällen, Fakelzügen durch die Stadtviertel und Kindertänzen zu seiner wichtigsten und bekanntesten Attraktion, dem Karnevalsumzug mit Wagen und Maskengruppen.

Die Geschichte der Figur des Bicciolano geht zurück auf das Ende des 18.Jahrhunderts, als die Französische Revolution das Piemont erreichte und als Vercelli von einer wohlhabenden und unantastbaren Klasse regiert wurde, die Steuern und Abgaben für persönliche Zwecke auferlegte. Um das Volk zu verteidigen, protestierte eine legendäre Figur jener Zeit, Carlin Belletti, genannt Bicciolano dagegen. Von den Mächtigen in die Burg von Ivrea eingesperrt kehrt er nach seiner Befreiung im Triumph nach Vercelli zurück. Sein Name bleibt in der Geschichte mit den Idealen von Gerechtigkeit und Gleichheit verbunden.

Die mit dem Karneval verbundenen Hauptattraktionen sind außer der Bekanntgabe der Bela Majin die Rückkehr des Bicciolano und seiner Gemahlin, die symbolische Übergabe der Schlüssel der Stadt und der Umzug der Karnevalswagen. In diesen einzigartigen Momenten bewahrt sich der wahre Geist des Karnevals und gerade aus diesem Grund erfreut er sich der Teilnahme zahlreicher Karnevalskomitees aus der gesamten Provinz und der positiven Reaktion eines immer zahlreicheren Publikums, das bereit ist, den Augenblick des Jahres, an dem alles erlaubt ist, fröhlich und sorglos zu begehen.

Der Bicciolano ist heute eine der anerkannten Masken des Vereins zur Koordinierung der italienischen Masken (Associazione Centro Coordinamento Maschere Italiane).